Angstargument elektrische Leitfähigkeit

Das Angstargument elektrische Leitfähigkeit verunsichert bald mehr Handwerker als COVID-19 und lässt die Fragen
nach dem Sinn bzw. Unsinn immer lauter werden. Der Experten-Talk liefert nützliche Impulse und Antworten.
Wenn viele das Gleiche tun, muss es nicht automatisch richtig sein!

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Folgend das Wissenswerteste aus dem Expertentalk als Fragen und Antworten zusammengefasst zum Nachlesen:

Udo Christ
Ja, ich habe mal eine Frage. Jeden Tag, jeden Tag höre ich im Thema Heizungsanlage: Leitfähigkeit. Ich mache seit 40 Jahren Heizungsanlagen. Seit 10 Jahren und immer, immer wird es schlimmer, schlimmer. Leitfähigkeit, Leitfähigkeit, Leitfähigkeit. Ich kann keine Heizungsanlage mehr einbauen, ohne Leitfähigkeit. Muss ich jetzt Chemiker werden? Ihr auch? Werden wir jetzt alle Chemiker, um eine Heizungsanlage einzubauen, oder kannst du mir helfen?

Mike Hannemann
Genau betrachtet ist die elektrische Leitfähigkeit das Rückgrat des Wassers. Wenn man nämlich überlegt: Das Wasser kommt von Natur aus, aus der Quelle, hat eine Zusammensetzung XY, ja? Verschiedene Mineraliensalze. Und die Leitfähigkeit bildet im Grunde nur den Summen-Parameter ab. Das ist der Summen-Parameter aller im Wasser gelösten Salze, Mineralien.

Udo Christ
Ja okay. Wenn ich jetzt, ich sage einfach mal vom Trinkwasser, Stadt Köln, irgendwo so das Messprotokoll lese, dann lese ich da irgendwie: Leitfähigkeit 350, 400, 450. Warum muss das in der Heizungsanlage jetzt 50, 100 Mikrosiemens sein?

Mike Hannemann
Ja, die Diskussion um die Leitfähigkeit ist deswegen entstanden, weil hier eine bestimmte Lobby, meistens aus dem Bereich der Aluminiumkessel-Hersteller sich ausgeguckt hat, dass diese Leitfähigkeit natürlich sich nur herabsetzen lässt, wenn ich die Anlage in salzarmer oder salzfreier Fahrweise befülle. Das heißt, mit einer VE-Patrone. Ich nehme eine Entsalzungsanlage, eine Osmoseanlage oder ähnliches und damit ziehe ich die ganzen Mineraliensalze raus, über einen Kationentauscher, beziehungsweise einen Mischbettionentauscher oder eine Osmoseanlage kann ich die Leitfähigkeit senken. Wenn ich die jetzt senke, dann entferne ich mich natürlich ganz weit von der Rohwasserqualität und habe dann eine Leitfähigkeit XY in der Heizung.

Udo Christ
Aber jetzt sagen die – geht euch wahrscheinlich auch so – manche Kesselhersteller: „Leitfähigkeit, hohe Leitfähigkeit verursacht Korrosion.“ Ich kann doch gar keine Wasserleitungen mehr haben, wenn das stimmt.

Mike Hannemann
Udo, wenn das so wäre, dass die elektrische Leitfähigkeit- Das stimmt, es wird in dem Tenor benannt: Leitfähigkeit verursacht Korrosion. Selbst im aktuellen Video vom ZVSHK wird darüber gesprochen, dass Leitfähigkeit im Zusammenhang mit Korrosion steht. Ich will das gerne erklären. Also wenn die Leitfähigkeit Korrosion verursachen würde- Machen wir es mal ganz banal: Du hast bei deinem Haus- Wie lange steht das schon, jetzt?

Udo Christ
Seit 1860, aber vor 30 Jahren haben wir es saniert.

Mike Hannemann
Okay. Sagen wir 30 Jahre altes Haus. Und du hast da ganz normale Installationen drin, vielleicht sogar noch verzinkte Rohre zum Teil, oder was?

Udo Christ
Nee. Kupfer.

Mike Hannemann
Alles drin. Okay, also auf jeden Fall hast du normale Installationen. Jetzt fließt das Wasser seit 30 Jahren. Also das kommt vom Versorger, über deine Wasseruhr rein, Filter vielleicht noch und dann läuft das durch die Installation. Ich weiß nicht: Bis jetzt ist es ja keine Sprinkleranlage geworden.

Udo Christ
Nee, das frage ich mich ja, das frage ich mich ja. Wenn die mir sagen, „Uber 100 Mikrosiemens explodiert deine Heizung“, quasi, wieso passiert das in der Trinkwasserleitung nicht?

Mike Hannemann
Ja, jetzt schaust du. Das ist der gesunde Menschenverstand. Wenn die elektrische Leitfähigkeit Korrosion verursachen würde, ja, also wenn ich mir darum Gedanken machen muss, wenn ich ein Wasser einfülle mit Leitfähigkeit XY, was von Natur gegeben ist – weil, das Wasser kommt nämlich immer im Gleichgewicht, das ist das Interessante, ist unterschiedlich zusammengesetzt bei dir, wie in München oder sonstwo. Unterschiedliche Zusammensetzungen. Leitfähigkeit XY ergibt sich daraus, aber das Wasser ist immer neutral.

Udo Christ
Ja, gut: Unterschiedliche PH-Werte, unterschiedliche Härtegrade.

Mike Hannemann
„pH-Wert neutral“ heißt: Um die 7 kommt das Wasser beim Wasserversorger an, beziehungsweise bei dir im Haus. Das ist die Prämisse. So, und das Unterscheidungsmerkmal zwischen salzhaltiger Fahrweise und salzarmer beziehungsweise salzfreier Fahrweise – das ist der Clou –, das ist die elektrische Leitfähigkeit. Jetzt fällt dir natürlich schon auf: Der arme Kerl, der jetzt eine Entsalzungsanlage verkaufen möchte, hat im Grunde genommen nur ein Argument, nämlich das Unterscheidungsmerkmal ist die Leitfähigkeit. Er muss im Grunde genommen die Leitfähigkeit verteufeln. Er muss sagen: „Oh Mensch, Udo, 500 Mikrosiemens? Da rostet dir ja alles unterm Hintern weg.

Mike Hannemann
Ja, bist du verrückt? Du musst da runter. Machen doch die anderen auch alle. Ja? 

Udo Christ
Soll ich jetzt auch so eine Entsalzungsanlage – Osmoseumkehr am besten noch ins Trinkwassernetz einbauen? Dann bin ich doch safe?

Mike Hannemann
Ja, es stellt sich ja die Frage: Bis jetzt hast du in 30 Jahren gar keine Undichtigkeiten durch Korrosion gehabt. Die Installation ist heile, ist keine Sprinkleranlage geworden. Und da stellt sich für mich natürlich auch die Frage: Seit da draußen Menschen rumrennen, ja, auch sehr gebildete Ingenieure rumrennen und behaupten, dass die Leitfähigkeit Korrosion verursacht- Dann muss das ab morgen so sein, ja? Offensichtlich.

Udo Christ
Dann muss ich jetzt hier abbrechen und ganz schnell nach Hause laufen, oder? Oder reden wir noch ein bisschen weiter?

Mike Hannemann
Ja. Also ich glaube, das ist so ein bisschen eine Verunsicherungsmasche. Es ist dem geschuldet, dass es da gar keine Argumentation für gibt. Du hast nur ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Enthärten und Entsalzen, und das ist die Leitfähigkeit. Und da könnte man jetzt sagen, verwerflich oder menschlich: Wenn ich kein anderes Argument habe, dann muss ich dieses Argument natürlich strapazieren, muss sagen, „Hör mal, Leitfähigkeit… Ganz schlimm“. Das Dumme ist nur, es verunsichert jeden Monteur auf der Baustelle und das darf nicht sein.

Udo Christ
Das höre ich ja auch jeden Tag.

Mike Hannemann
Ja, es ist nicht neutral. Wenn der Mehrwert da ist und es gebraucht wird- Ich habe nichts gegen VE-Wasser, Gottes Willen, das braucht man. Das wird eingesetzt, in der Leiterplattenindustrie, Polier-Technik, egal wo. Ja, da braucht man einfach auch entsalztes Wasser als Reinstwasser, – nennen wir das. Aber dass ich das nun in jede Niedertemperaturheizung, die ja zumal auch gar nicht überwachungspflichtig ist- Dass ich das da reinkippe und dann zu einer überwachungspflichtigen Anlage mache…

Udo Christ
Wollte ich gerade sagen: Wenn ich doch jetzt die Leitfähigkeit kontrollieren, reduzieren muss, dann muss ich die Anlage doch überwachen.

Mike Hannemann
Ja, da kommst du nicht aus. Musst du auch so nachfüllen. Und ja, ist ein schwieriges Unterfangen. Ich kenne in den letzten 10 Jahren- Und ich glaube, wir haben ein bisschen Erfahrung. 20 Jahre sind wir Ingenieurbüro für Korrosionschemie, haben ungefähr zehn und 1/2 tausend Analysen gemacht, – da kriegt man schon was mit und manches macht einen nachdenklich. Wir können nur sagen: Leitfähigkeit ist das Rückgrat des Wassers. Es rauszunehmen, ist sehr aufwendig. Und dann denke ich, muss ein Mehrwert da sein. Der Mehrwert ist bei der Niedertemperaturheizung für uns nicht zu sehen. Aber immense Mehrkosten.

Also das ist das teilweise 200- bis 400-fache an Kosten. Und der Aufwand- Es läuft langsamer, das Wasser braucht eine Kontaktzeit, mehrmals. Die Wartung, Aufwand, Harzentsorgung, auch nicht besonders umweltfreundlich. Es gibt viele Dinge, die da mit einspielen, wo ich sage: Ist das Handwerkspraxis oder ist es doch eher was für den Industriebereich, für den Laborbereich, wo das auch herkommt, ja? Das ist wissenschaftlich aus der Ecke angesiedelt und ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, dass das, was wir im Labor verwenden, mal in eine Heizung eingefüllt werden soll.

Udo Christ
Kann ich das auf den Punkt bringen? Härte raus und glücklich sein mit der Heizung, ohne große Probleme?

Mike Hannemann
Ja, im Grunde genommen geht es um die Vermeidung von Steinbildung. Das steht in allen Normen und Richtlinien drin. Es steht da nicht drin: „Du sollst ein Reinstwasser machen zur Blutwäsche.“ Sondern du sollst die Heizungsbefüllung so vornehmen, dass keine Steinbildung entsteht. Und Steinbildung ist Kalzium, Magnesium, also der Kalk im Wasser. Ja? Und den nehme ich raus. Und kein Kalk, kein Kesselstein, Punkt. Ja?

Udo Christ
Genau. Und kein Dreck. Das war das Zweite, glaube ich.

Mike Hannemann
Ja, das ist der nächste Punkt, dass dann kein Dreck drin ist. Aber im Prinzip: kein Kalk, kein Kesselstein. Dann hast du die Anlage mit kalkfreiem Wasser befüllt. Dass du natürlich auch korrosionsfrei das Wasser einstellen solltest und dass es am Ende sauber und klar sein soll… Aber wir haben ja noch ein paar Talks und ich denke, wenn es euch Spaß macht: Bleibt einfach dran.